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HowTo: RAW-Konvertierungsworkflow mit Capture One Pro 6

Das Capture One ein ausgezeichneter RAW-Konverter ist, ist hinlänglich bekannt. Bekannt ist leider auch, dass es mit Tutorials und Workshops im deutschsprachigen Raum leider eher schlecht aussieht. Dies ist schade, denn ich bin davon überzeugt, dass durch bessereAnleitungen und Tutorials auch die Anzahl derer steigen wird, die ebenfalls begeistert von diesem ausgezeichneten Programm sind. Ich habe mich deshalb entschlossen, in der nächsten Zeit eine Reihe von Capture One Tutorials zu verfassen, um Einsteigern die ersten Schritte zu erleichtern und Fortgeschrittenen ein paar Ansätze zu geben, wie sich der bestehende Workflow noch verfeinern lässt. Den Anfang mache ich heute mich einem Bearbeitungstutorial, in welchem ich ein Bild komplett in C1 entwickle und anschließend ausgebe. Dabei basiert das Tutorial auf Capture One Pro 6, viele Schritte lassen sich jedoch auch mit der Express Version durchführen.

In diesem Workshop werde ich Schritt für Schritt zeigen, wie ich von einem vollkommen unbearbeiteten RAW-File hin zum fast komplett fertigen Ausgabefile komme. Um sämtliche Möglichkeiten zu verdeutlichen, habe ich mich für ein Bild mit einigen Unzulänglichkeiten entschieden:

Das gesamte Bild ist etwas zu dunkel, die Frauenkirche kippt durch den Aufnahmestandpunkt nach hinten, der Himmel ist zwar blau, jedoch viel zu dunkel, die Farben sind zu lasch. Viele Themen also, die bei der Konvertierung berücksicht werden müssen.

Schritt 1: Entfernung der CAs

Grundsätzlich nutze ich bei jeder Aufnahme die Entfernung von Chromatischer Aberration. Hierfür bietet Capture One ein sehr gutes Tool, welches vorhandene CAs analysiert (zum Teil erkennt man sie selbst nur schlecht) und diese vollkommen automatisiert entfernt. Das Beispielbild ist für dieses Korrketurvorgang nicht optimal, da es quasi keine CAs aufweist, der Vollständigkeit halber ist dieser Schritt hier dennoch mit enthalten.

Ich wähle also zuerst den Reiter „Objektivkorrektur“ und anschließend „Chromatische Aberration“ „Analyiseren“

Nach Abschluss der Analyse werden die CA automatisch entfernt, den erforderlichen Haken hierzu (Chromatische Aberration) unterhalb des Auswahlfeldes setzt C1 dabei selbstständig.

Schritt 2 setzen eines korrekten Weißabgleichs

Der korrekte Weißabgleich hängt immer von der jeweiligen Lichtstimmung ab, und keinesfalls wirkt ein neutraler WB immer am Besten. Stellen wir uns hierzu einfach einen Sonnenuntergang mit einem neutralen WB vor. C1 hat bereits eine recht gute WB Automatik an Bord, welche häufig bereits sehr gute Ergebnisse liefert. Hierzu welchsle ich zur Registerkarte „Farbe“

Und klicke unter dem Reiter „Weißabgleich“ auf das kleine „A“.

In diesem Fall gefällt mir das Resultat der Automatik nicht, es ist aus meiner Sicht zu warm und spiegelt nicht die Lichtsituation während der Aufnahme wieder. Ich korrigiere den WB also mit dem WB-Slider Werkzeug so lange, bis es mir visuell zusagt.

Schritt 3: Anpassung der allgemeinen Belichtung

Nun ist die Belichtung des Bildes an der Reihe. Wie eingangs schon geschrieben, empfinde ich das Bild als zu dunkel und möchte dies gerne korrigieren. Hierzu wechsel ich auf die Registerkarte „Belichtung“

Dort angekommen verwende ich ebenfalls wieder sehr gerne die Automatik, um einen ersten Eindruck zu gewinnen, was mir C1 vorschlägt.

C1 sieht das Motiv ebenfalls als zu dunkel an und korrigiert die Belichtung nach oben. Ich möchte im gleichen Atemzug aber die mittleren Tonwerte noch weiter anheben und regle so über „Helligkeit“ nach. Auch dem schwachen Kontrast wirke ich bereits hier entgegen und erhöhe den Wert ebenfalls. Anschließend geht es direkt zu den „HDR“ reglern. Bei diesem speziellen Motiv besteht hier kaum Korrekturbedarf, die Automatik bestätigt meine Einschätzung. Bei Bildern, die an zu dunklen oder gar absaufenden Tiefen leiden, kann mit dem „Schatten“ reglern gezielt in diesen Partien nachbelichtet werden. Bei ausfressenden Lichtern kommt der „Spitzlicht“ Regler zum Einsatz, welche diese Bildteile abdunkeln kann. Generell sollte beachtet werden, dass zu starker Einsatz der Regler zu sehr unnatürlich wirkenden Bildergebnissen führt. Ich empfehle deshalb grundsätzlich, moderat Vorzugehen. Als äußerst hilfreich bei Belichtungskorrekture hat sich dabei die „Belichtungswarnung“ erwiesen, welche z. B. mit der Tastenkombination Strg + E aktiviert werden kann. Sie warnt bei ausfressenden Lichtern durch eine rote Markierung und bei absaufenden Tiefen durch eine blaue Markierung.

Weiter geht es mit der Tonwertkorrektur. Auch hier ist der Ausgangspunkt erst einmal die Automatik

Nun setze ich noch eins drauf und steuere über die „Klarheit“ moderat etwas mehr Kontrast ins Bild. Die Aktivierung der Belichtungswarnung zeigt jedoch sofort stark ausfressende Lichter im Bereich der Schirme am linken Bildrand. Beim Regler „Klarheit“ besteht permanent die Gefahr absaufender Tiefen und ausfressender Lichter, deshalb empfehle ich auch hier mit moderaten Werten zu arbeiten und stets die Belichtungswarnung im Blick zu haben.

Ich gehe also nochmal zur Tonwertkorrektur und schiebe den rechten Slider etwas weiter nach rechts, um hier die Details wieder zurück zu holen. Die roten Markierung verschwinden, es ist also wieder Zeichnung vorhanden

Schritt 3: Perspektivenkorrektur

Aufgrund des niedrigen Standpunkts bei der Aufnahme sieht es leider so aus, als würde die Frauenkirche nach hinten wegkippen. Mit Version 6 hat Capture One ein erstklassiges neues Tool integriert bekommen, welches die Korrektur der Perspektive zu einem Kinderspiel macht. Zur Anwendung wechlse ich im ersten Schritt in die Registerkarte Bildaufbau

Anschließend wähle ich aus der Werkzeugleiste das „Trapez vertikal“ Werkzeug, um die vertikale Perspektive zu korrigieren

Nach Anwahl des Werkzeugs erscheinen vier Punkte im Bild, die paarweise durch gestrichelte Linien miteinander verbunden sind. Diese Punkte positionieren ich nun so, dass sie exakt an den vertikalen Linien der Frauenkirche verlaufen. Dabei ist die Genauigkeit äußerst wichtig, da das Ergebnis ansonsten falsch ist. Wurden die Linien im Bild korrekt positioniert, einfach den im Bild befindlichen Button „Apply“ anklicken

Capture One korrigiert nun die Perspektive und cropt das Bild auch entsprechend, sodass es keine leeren Bildteile gibt. Mich begeistert neben dem Ergebnis vor allem die Einfachheit, mit der man hier zu ausgezeichneten Ergebnissen kommen kann.

Phase One empfiehlt bei Perspektivenkorrekturen lediglich mit einer Stärke von 80% vorzugehen, die kann jedoch unter „Stärke“ jederzeit weiter verringert oder auch auf 100% hochgeregelt werden. Auch ich empfehle einen Wert von 80%, da eine 100%ige Korrektur sehr unnatürlich aussehen kann und häufig nicht besonders zuträglich ist. Natürlich empfehle ich hier ebenfalls, mit den Werten zu experimentieren und je nach Motiv und eigenem Geschmack visuell zu entscheiden.

Schritt 4: Die Schärfung

Zu einer ordentlichen RAW-Konvertierung gehört natürlich auch eine entsprechende Schärfung. Da ich später in Photoshop ein für meine Kamera abgestimmtes Schärfungsscript verwende, sind die Werte für mich entsprechend vorgegeben und ich nehme hier keine weiteren Veränderungen vor.

Generell empfehle ich, so eine weitere Bearbeitung z. B. in Photoshop vorgegeben ist, eher etwas weniger nachzuschärfen.

Schritt 5: Lokale Korrekturen

Ebenfalls neu in Version 6 ist die Möglichkeit, lokale Anpassungen am Bild vorzunehmen. Dies ist bei Bedarf auch durchaus empfehlenswert, da im RAW-File noch sämtliche Informationen zur Verfügung stehen und genutzt werden können. Im Beispielbild finde ich den Himmel zu blass und farblos, möchte ihn also gerne etwas abdunkeln und farblich intensiver gestalten. Der Rest des Bildes hingegen ist mir etwas zu dunkel, sollte also aufgehellt werden. Ich wechsle nun also zur Registerkarte „Lokale Anpassungen“

Mit einem Klick auf „+“ füge ich eine neue Ebene hinzu (Ebene Hintergrund ist wie bei PS standardmäßig vorhanden)

Der neu erstellte Ebene sollte ein aussagekräftiger Name gegeben werden, in meinem Fall klicke ich einmal auf die Ebene und geben dann „Himmel“ ein

Nun wähle ich direkt im Fenster lokale Anpassungen das „Lokale Anpassungen zeichnen Werkzeug“. Selbstverständlich ist auch eine Auswahl über die Werkzeugleiste möglich

Mit der Maus oder besser noch einem Tablet maskiere ich nun den Himmel. Die Werkzeuggröße kann mit einem Rechtsklick im Kontextmenü jederzeit vergrößert oder auch verkleinert werden. Bei versehentlichem vermalen kann durch drücken der Taste „E“ ein Radierer zur Korrektur benutzt werden. Nach erfolgter Korrektur einfach wieder „B“ drücken, um wieder zum „Lokale Anpassungen zeichnen Werkzeug“ zurück zu kehren. Alternativ kann während des zeichnen auch einfach die „Alt“ Taste gedrückt werden, welche das malen Werkzeug zum Radierer macht. Wird die Taste wieder losgelassen, ist automatisch wieder das malen Werkzeug aktiviert.

Nach Maskierung der gewünschten Bildteile habe ich über Steuerung der Helligkeit und Sättigung den Himmel angepasst. Um das Blau noch weitere zu verstärken, kam auch der erweiterte Farbeditor zum Einsatz. Hierzu habe ich unter „Farbeditor“ „Erweitert“ das Werkzeug „Farbkorrektur auswählen“ selektiert und in einen blauen Teil des Himmels geklickt. Dieser Farbbereich wird nun ausgewählt und kann gezielt editiert werden. Durch Verwendung dieses Tools ist es möglich, ganz gezielt Einfluss auf einzelne Farben zu nehmen.

Mit dem Himmel bin ich nun zufrieden

Nun geht es an die leichte Aufhellung des Vordergrundes. Hierzu erstelle ich wie oben beschrieben durch Klicken auf „+“ eine weitere Ebene und nenne diese Vordergrund. Um nun den Vordergrund nicht separat maskieren zu müssen, gehe ich folgendermaßen vor. Zuerst wird die Ebene „Vordergrund“ ausgewählt, anschließend auf das kleine Dreieck bei „Lokale Anpassungen“ ganz rechts außen geklickt. Hier wähle ich „Maske kopieren von“ und „Himmel“. Die Ebene Vordergrund verfügt nun über die gleiche Maske wie Ebene Himmel.

Da aber der nicht der Himmel, sondern die übrigen Bildteile maskiert werden sollen, klicke ich nochmals auf das Dreieck bei „Lokale Anpassungen“ und wähle nun „Maske umkehren“

Nun ist exakt der Teil des Bildes maskiert, welcher von der Maske der Ebene „Himmel“ unberührt war. Sollte es noch kleinere Problemstellen geben, können diese nun mit dem Malen-Werkzeug oder dem Radierer korrigiert werden. Wie ich es mir vorgenommen haben, passe ich nun den Regler „Helligkeit“ an, um den Vordergrund leicht aufzuhellen. Auch nutze ich wieder den Farbeditor, um die Farben der Gebäude etwas zu verstärken.

Schritt 6: Ausgabe

Nachdem das Bild nun meinen Vorstellungen entspricht möchte ich es als tiff-File konvertieren, um es in Photoshop evtl. noch weiter zu verfeinern. Hierfür wähle ich die Registerkarte „Ausgabe“

Hier wähle ich nun die gewünschten Ausgabeeinstellungen. In meinem Fall möchte ich das File als tiff mit einer Farbtiefe von 16bit im Farbraum AdobeRGB ausgeben. Ebenso soll das Bild nach der Konvertierung direkt in Photoshop geöffnet werden, hierzu einfach unter „Öffnen mit“ die ausführbare Datei von Photoshop auswählen.

Unter Benennung gibt es dutzende Optionen, die Ausgabedatei zu benennen. Ich verwende eine sehr einfach Lösung, nämlich den Bildnamen.

Mit einem Klick auf Verarbeiten wird das Bild konvertiert.

Die fertige Aufnahme sieht nun wie folgt aus, ohne weitere Anpassungen oder Korrekturen in Photoshop.

Insgesamt hat diese Bearbeitung nur wenige Minuten gedauert, der größte Zeitfresser war dabei die Maskierung für die lokalen Anpassungen. Aufgrund der Geschwindigkeit, mit der sich äußerst hochwertige Ergebnisse erreichen lassen, ist Capture One aktuell der RAW-Konverter meiner Wahl.

 

© by jd-photography.de

4 Gedanken zu „HowTo: RAW-Konvertierungsworkflow mit Capture One Pro 6

  1. Guest

    Hallo jd,

    sehr schöne Seite und sehr interessante Beiträge hast du hier-gratuliere!!

    Was mich als C1 Neuling sehr interessieren würde (speziell zu diesem Beitrag) ist ob es denn möglich ist das Bild nach dem Export in PS Cs5 und der dort stattfindenden abschließenden Bearbeitung wieder in C1 (express 6) einzugliedern damit es dort wieder im gleichen Ordner zu finden ist wie das urspüngliche RAW ? Oder muss man für die Bilder die in PS vollendet werden einen eigenen Ordner ausserhalb von C1 anlegen um sie zu speichern? Wie sieht denn dein Workflow im Zusammenspiel von C1+PS aus?

    Würde mich sehr auf eine Antwort freuen und freundliche Grüße!!

    Antworten
    1. Joerg Artikelautor

      Hallo Nadine,

      vielen Dank für Dein Feedback.

      Ja, es ist möglich, das konvertierte Bild in den selben Bildordner zu speichern. Im Reiter „Ausgabe“ kann gewählt werden, ob das Bild in den Ausgabeordner oder direkt wieder in den Bildordner (wie von Dir gewünscht) gespeichert wird. Somit ist es auch sofort im Bildbrowser von C1 sichtbar.

      Dieses Bild kannst Du nun in Photoshop anpassen und wieder speichern, in C1 sind die Änderungen dann natürlich auch sichbar. Ein zusätzliches Verschieben ist nicht notwendig, da sich das Bild ja bereits im Bildordner befindet.

      Ich handhabe es übrigens genauso: Im Reiter „Ausgabe“ stelle ich ein, dass das konviertierte Bild direkt wieder in den Bildordner gespeichert werden soll. Auch Photoshop habe ich unter „Öffnen mit“ eingestellt, weshalb sich das Bild nach der Konvertierung in PS öffnet. Somit ist mein Workflow für mich perfekt abgedeckt.

      Bei weiteren Fragen kannst Du Dich gerne melden.

      Viele Grüße,
      Jörg

      Antworten
  2. Guest

    Hallo jd,

    Glückwunsch und vielen Dank
    für dieses tolle Tutorial. 8)

    Ich habe von C1 die Versionen 5.2 und
    die 6.3.5 Express.

    Ist es möglich das Sie dieses Tutorial
    als PDF zum Download bereitstellen ?

    Gruß Wuschel215

    Antworten
    1. Joerg Artikelautor

      Hallo Wuschel,

      vielen Dank für die Nachricht, auf die ich urlaubsbedingt leider nicht schneller Antworten konnte.

      Aktuell habe ich keine pdf-Versionen meiner Workshops geplant, finde den Vorschlag aber gut, da ich selbst ein Fan vom pdf lesen auf dem iPad bin. Ich werde nochmals über den Vorschlag nachdenken und ggf. pdf Versionen zur Verfügung stellen 🙂

      Viele Grüße,
      Jörg

      Antworten

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