Review: Praxis Capture One Pro von Sascha Erni

Wer sich als deutschsprachiger Anwender auf Literatursuche zur Capture One Pro machte stellte in der Vergangenheit zumeist ernüchtert fest, dass die Suche derer einer Nadel im Heuhaufen gleicht. Zwar gibt es Online einige, teils auch wirklich gute Anleitungen, diese sind jedoch vornehmlich in Englischer Sprache. Umso erfreulicher ist es, dass im dpunkt Verlag vor kurzem das Buch „Praxis Capture One Pro“ von Sascha Erni erschien, welches auch für deutschsprachige Anwender eine Referenz für Capture One Pro darstellen soll. Vom Verlag erhielt ich ein Rezensionsexemplar, um den Lesern dieses Blogs einen Eindruck des fast 400 Seiten umfassenden Werkes geben zu können.

Das Buch im Überblick

Nach eintreffen des Buches war ich zunächst überrascht, mit fast 400 Seiten ist es dem ersten Anschein nach äußerst umfangreich ausgefallen und verspricht somit eine Fülle von Informationen. Die Seiten sind angenehm, weder zu dick noch zu dünn, und die Druckqualität ist einwandfrei. Auch und gerade die im Buch verwendeten Grafiken sind gut lesbar und ermöglichen somit das nachvollziehen der beschriebenen Abläufe und Vorgehensweisen. Gebunden ist das Buch in ein Softcover, welches ich persönlich den immer etwas sperrigen Hardcover-Varianten vorziehe. Beim genauen betrachten der Bindung stellte ich jedoch fest, dass die Bindung insgesamt etwas fragil erscheint, das Cover wirkt fast etwas lose und erweckt auf mich nicht den Eindruck, für die Ewigkeit gemacht zu sein. Im DSLR-Forum gibt es Berichte von Kunden, welche über das Ablösen des Covers berichten. Der Verlag zeigt sich hier dem Vernehmen nach jedoch kulant und bietet betroffenen Kunden eine Lösung an.

Insgesamt gefällt mir die Aufmachung des Buches, die Seiten lassen sich angenehm Blättern, durch das Softcover kann das Buch in die angenehmste Leseposition „gequetscht“ werden.

Didaktik – oder: Theorie und Praxis

Sascha Erni, der Autor des Buches, ist mir aus dem DSLR-Forum bereits seit Jahren als kompetenter Ansprechpartner zu Capture One bekannt. Umso wenig überrascht bin ich deshalb vom guten Aufbau sowie der logischen und nachvollziehbaren Didaktik des vorliegenden Werkes.

Sascha orientiert sich an der Reihenfolge der Werkzeugregister, wie sie standardmäßig in Capture One Pro voreingestellt ist:

  • Bibliothek
  • Farben
  • Belichtung
  • Objektiv
  • Bildaufbau
  • Details
  • Lokale Anpassungen
  • Anpassungen
  • Metadaten
  • Ausgabe. und Stapel

Diese Abfolge macht Sinn, deckt sie doch im wesentlichen den Bearbeitungsworkflow eines Fotografen ab und ist somit ein guter roter Faden für die folgenden Erläuterungen. Abgeschlossen wird das Buch von einem Kapitel zum Tethered Shooting sowie einem zum Einsatz von Capture One in Verbindung mit Drittsoftware. Letzeres ist für meinen Geschmack ein wenig kurz geraten, geschuldet sicherlich dem Umstand, dass Themen wie beispielsweise AppleScript einfach nicht ausführlich in wenigen Seiten beschrieben werden können. Hier hätte ich mir dennoch vieleicht das ein oder andere Beispielscript gewünscht.

Bevor es allerdings an die einzelnen Funktionen geht erfolgt eine kurze Vorstellung der Anwendung und deren grundsätzlicher Funktionsweise. Dieser Abschnitt mag für langjährige Nutzer überflüssig erscheinen, gibt aber gerade Neueinsteigern oder Interessierten einen guten Überblick über grundsätzliche Konzepte und wissenswerte Dinge wie die Render-Pipeline, Farbverwaltung ICC/ICM-Profile sowie den Aufbau der grafischen Benutzeroberfläche

Ebenso gibt es ein kurzes Kapitel bezüglich der Hardware, auf welcher Capture One Pro betrieben werden kann. Insbesondere geht Sascha auf wesentliche Anforderungen der Software auf die Komponenten ein und gibt eine Hilfestellung zur Konfiguration. Auch für dieses Kapitel gilt, dass es für erfahrene Anwender von Capture One Pro sicherlich keine neuen Erkenntnisse liefern wird, Neueinsteigern das Leben jedoch erheblich erleichtern kann.

Sascha verfolgt mit dem Buch einen Ansatz, welchen ich sehr schätze. Zunächst stellt er in den jeweiligen Kapiteln in Form von Ablaufdiagrammen die folgenden Funktionen vor und zeigt somit, wie diese in eine logische Reihenfolge gebracht werden können. Die Reihenfolge spielt bei der non-destruktiven Arbeit in Capture One Pro auf den ersten Blick zwar nur eine kleine Rolle, aber gerade im Belichtungs-Register ist der Einsatz einer bestimmten Abfolge sinnvoller als andere. Somit hilft dieser Ansatz allen Anwender, Einsteigern ebenso wie Fortgeschrittenen, eine Einordnung der Abläufe vorzunehmen und den eigenen Workflow hinsichtlich Plausibilität zu überprüfen. Nach der der prozessualen Einordnung der einzelnen Schritte erfolgt stets eine sehr übersichtliche und detaillierte Beschreibung des Werkzeug-Register und seiner enthaltenen Werkzeuge. Besonders hervorheben möchte ich die vielen Praxisbeispiele (quasi Mini-Workshops im Buch), mit welchen Sascha die vermittelten Inhalte in kleinen Szenarien beschreibt und somit darstellt, wie sich das vermittelte Wissen bestmöglich in die Praxis überführen lässt.

Bezüglich des Schreibstils erinnert mich Sascha übrigens äußerst positiv an Scott Kelby: Immer einer paar lockere Sätze und das ganze bloß nicht zu ernst nehmen. Ich persönlich bin ein Fan des lockeren Schreibens und begrüße Saschas Entscheidung, dies im Buch auch so umzusetzen. Gerade Fachbücher sind oft Staub trocken formuliert und der Leser hat deshalb gleich doppelt mit den Inhalten zu kämpfen. Umso erfreulicher ist es, wenn das ganze wie im vorliegenden Buch so vermittelt wird, also stünde ein guter Freund neben einem und würde das ganze erklären.

Fazit

Didaktisch gelingt Sascha der Spagat zwischen Theorie und Praxis außerordentlich gut. Ich habe hier zu Hause Bücher stehen, nach deren Lektüre ich zwar theoretisch alles weiß, praktisch jedoch keine Ahnung habe, wie es umzusetzen ist. Andererseits habe ich welche, bei denen nach dem Lesen zig praktische Anwendungsmöglichkeiten bekannt sind, bei kleineren auftretenden Abweichungen jedoch bin ich verloren, da das theoretische Fundament fehlt. Praxis Capture One Pro gelingt es, dem Leser die notwendigen theoretischen Inhalte zu vermitteln, diese durch die zahlreichen praktischen Beispiele jedoch gleichzeitig auch deren Einsatz zu illustrieren. Nach dem Lesen des Buches ist der geneigte Fotograf in der Lage, grundsätzliche Überlegungen zu seiner Vorgehensweise anzustellen, die Anwendung auf die eigene Arbeitsweise anzupassen und Capture One Pro gezielt zur Verwaltung und Bearbeitung der digitalen Aufnahmen einzusetzen.

Zum Preis von knapp unter 30€ erhält der Leser eine ausführliche Beschreibung fast sämtlicher in Capture One Pro verfügbarer Funktionen und deutscher Sprache (was im Falle von Capture One ein Novum darstellt). Wer also auf der Suche nach einer guten Lektüre für den Einstieg in diese umfangreiche Software ist, oder aber einfach nach Denkanstößen hinsichtlich der eigenen Arbeitsweise sucht, erhält mit diesem Buch eine ausgezeichnete Informationsquelle.

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